Düsseldorf zeigt Haltung - Was uns Düsseldorfer antreibt

Im eigenen Strom

Simone Leuschner (44) ist eine der gefragtesten Yoga-Fotografinnen Deutschlands. Dann wurde sie schwer krank. Wie sie ihr Leben meistert, was sie geprägt hat und warum sie ist wie sie ist, erzählt die gerade wieder gesund geschriebene Düsseldorferin hier.

Simones Eltern waren während ihrer Kindheit beide beruflich eingespannt, als Pressefotograf und persönliche Referentin. Sie reisten viel und arbeiteten viel. Arbeit war ein großes Thema in der Familie. Politik auch. Und Gleichberechtigung. „Du kannst alles sein und werden, scheu Dich nicht und kämpfe für Deine Idee“. So ist sie aufgewachsen. Sie mag gute Gedanken und Humor, Zeitschriften und das Leben (in den Cafés) auf der Straße. Ihr Studium hat sie zwei Mal abgebrochen, weil ihr der Sinn darin fehlte, Uninteressantes bis zum Ende zu lernen. Heute arbeitet die 44jährige als Fotografin und ist, was sie ist. Sehr authentisch.

Du bist erfolgreiche Fotografin, Journalistin, Kreative. Du hast die Bildsprache bekannter Sportmagazine entwickelt und in Deinem Leben Dinge erlebt, von denen andere nur träumen. Wie hast Du das geschafft?

Ich war lange Teil eines Ganzen. Eines Büros. Einer Redaktion. Und habe für die Produkte Anderer gelebt und für den Erfolg Anderer gearbeitet. Der Klassiker. Meine eigene Spur habe ich in den ersten Jahren nie wirklich hinterlassen, meine Kreativität verschwamm meist in den vielen verschiedenen Dingen, die ich erfüllte. Aber von Vorn. Ich arbeitete über acht Jahre als Fotoredakteurin für vier große Sportmagazine in einem Redaktionsbüro, das für Verlage Magazine produzierte. Klassisches Outsourcing. Nur mit dem Abitur in der Tasche und ein paar Wochen Praktikum in den Redaktionen großer Nachrichtenagenturen setzte ich meinen ersten Meilenstein: ein Volontariat zur Fotoredakteurin. In den Spuren meines Vaters (Pressefotograf) und doch auf der eigenen Autobahn des Lebens. Und so suchte ich Fotos aus dem „www“ für prominente Geschichten, die unsere Redakteure in ihren Sport- und Special-Interest-Magazinen erzählten. Ich erschuf Bilderwelten und kreierte Wirklichkeit. Wahr oder nicht wahr, dafür bunt und lesenswert!

Und plötzlich ging nichts mehr. Burnout. Wie war das?

Das war krass. Meine Leidenschaft und Lebenslust einfach ausgelöscht. Der erste große Stop in meinem Leben. Im dichten Schneetreiben blieb ich mit meinem Auto mitten im Autobahndreieck stecken. Kam zum Erliegen. Genau wie ich, innerlich. Ich rief in der Redaktion an. Die Tränen schossen durch den Hörer. Ich hörte mich selber sagen: „ … das ist einfach ein Ding zu viel, ich kann nicht mehr …“. Zu lange hatte ich deutlich am Anschlag gearbeitet, zu oft darüber hinaus. Zu wenig auf mich geachtet und mal Nein gesagt. Aus einem gut gelebten, für mich genialen Geist wurde Furcht vor der eigenen Courage. Ich konnte keinen Schritt mehr voraus tätigen, der eigentlich Routine schien. Mir fehlten die Werkzeuge. Alles schien unüberwindbar. Es war Zeit für (m)einen Rückzug der Sinne. Raus. Aus Allem. Um Ruhe zu finden. Und vielleicht auch wieder mich.

Du hast mit Yoga begonnen und Dich dann auf die Yoga-Fotografie spezialisiert. Du bist innerhalb kürzester Zeit eine der gefragtesten Yoga-Fotografinnen in Deutschland geworden und hast die bekanntesten Yogis der Welt fotografiert. Wie geht sowas?

Ja, das stimmt. In meiner Auszeit entdeckte ich die Liebe zum Yoga. Dessen Ruhe und Tiefe. In der gleichen Zeit entwickelte ich mit „Focus on Yoga“ meinen ganz persönlichen Fotoblick auf Yoga. Seine Welt. Seine Bewegung. Seine Anmutung. Und machte mich als freie Fotografin selbstständig. Ich hatte in den fünf Jahren nach der Schule bei einem Fotografen sehr viel gelernt und traute mir im Umgang mit Menschen tolle Fotomomente zu. Dies in der Yogawelt auszuprobieren, war Intuition.

Motiv von Simone Leuschner: Beate Tschirch, Yoga-Lehrerin, -Ausbilderin und Inhaberin des Yogastudios „Yogalover“ in Wiesbaden.

2010 perfektionierte ich diesen Yogablick in einer Yogalehrer-Ausbildung von 200h, die Basis aller Ausbildungen. Ich wollte verstehen um zu erkennen. Wie der menschliche Körper funktioniert, sich entwickelt und darstellen kann. Im Yoga. Wenn Du weißt, wie etwas funktioniert, kannst Du es auch erst gut fotografieren. Und das sehen die Yogis in meinen Fotos und vertrauen meiner Gabe des richtigen Augenblicks. Den wir uns gemeinsam erarbeiten. Mit Yoga. Mit Mediation. Mit Vertrauen. Den Fokus ganz nah justieren und nur einen Teil zeigen, der alles beschreibt.

Bei der Arbeit: Eintauchen in die Welt der Yogis

Für diese Fotomomente war ich viel, viel unterwegs und habe mich in der Yogaszene immer wieder gezeigt, initiiert, vorgeschlagen, begeistert, erzählt und in einem Yogastudio begonnen zu arbeiten. Das war der Anfang einer wunderbaren Zeit von „Focus on Yoga“.

Du sagst, Du verstehst die Yogis, kannst sie fühlen, bist ihnen nah, ohne jedoch mit Deinen Bildern ihre Intimsphäre zu verletzen…

Voll. Das trifft es, ja. Ich baue Vertrauen auf. Und bin sehr sehr achtsam mit dieser Nähe. Das lässt sie immer wieder zu mir zurückkehren, glaube ich.

Dein Burnout war sicher eine schwere, prägende Zeit. Doch sie war nichts im Vergleich zu dem, was dann kam. Magst Du darüber reden?

Es war der zweite, große Stop in meinem Leben. Ein lebensbedrohlicher Moment. Ende 2017 wurde ich von einer großen Darmoperation überrascht. Zunächst unerwartet, in der Retrospektive vielleicht nicht. Erstmals dachte ich, ich folgte mit „Focus on Yoga“ dem Ruf meines Herzens und arbeite so, wie ich es wirklich will. Aber ich vergaß die Vielfalt und Masse, die mich rief und der ich nicht widerstehen konnte. Ich hatte viel Erfolg mit meinen Fotos und hab mich wirklich von unten hoch gearbeitet. In einem Dezember war meine Mutter verstorben. Im Januar darauf habe ich 28 Tage durchgearbeitet. Ich wollte über den Verlust hinweg arbeiten. Ich wußte es nicht besser, schließlich war mein großes Vorbild gestorben. Ich konnte sie nicht mehr fragen, was ich falsch gemacht hatte. „Scheu Dich nicht und kämpfe für Deine Idee“, dieser Gedanke stammt von ihr und wird mich immer begleiten. Danke, Mum.

Was macht das mit einem Menschen, wenn er so schwer erkrankt? Wie war das für Dich, als Du die Diagnose bekommen hast?

Der Moment der Diagnose war schlimm. Atemberaubend. Die Welt um dich herum hält an. Alles, was man in Artikeln lesen und von Freunden aus solchen Momenten gehört hat, stimmt. Das Leben zieht an dir vorbei. Du resümierst. Zweifelst. Trauerst. Bist leer und verlierst den Boden. Was bedeutet eine Erstdiagnose?  Was, eine Krankheit zu haben, die chronisch sein könnte? Was, wenn du merkst, dein Körper reagiert nicht mit Genesung sondern dein Zustand verschlimmert sich erneut? Auf einmal wird das Überleben wichtig. Und der Glaube an Etwas. An dich. Und deine Familie. Du merkst, was dir wirklich viel bedeutet: Menschen, die dir nahe stehen. Die du liebst.
Eineinhalb Jahre später möchte ich mich befreien und laut rufen: lasst uns das Leben leben! Und alles tun, was wir lieben! Auf diesem Weg bewege ich mich gerade.

Du bist jetzt gerade – nach eineinhalb Jahren – wieder gesund geschrieben. Was hast Du nun vor?

Ich atme. Halte den Kopf in die Sonne und suche den roten Faden in meinem Leben. Was will ich wirklich von meinem Leben? Ich kehre zu Altem zurück und erfinde mich abermals neu. Und versuche, mit weniger Leistung und mehr Zeit mit mir zufrieden zu sein. Ich habe so viele neue Dinge im Kopf, die ich umsetzen möchte. Ich schreibe an Konzepten und vervollständige Ideen. Ich glaube, der Phantast in mir möchte geweckt  werden. Und dazu bin ich gerade (noch) leise, höre mir zu und schreibe. Eine Gabe vergangen geglaubter Tage.

Inwieweit würdest Du sagen, haben diese Schicksalsschläge Dein Leben verändert. Was wird wichtiger, was weniger wichtig? Gibt es solche Dinge, Werte die sich verschoben haben?

Ich möchte meine Träume leben. Echt werden lassen. Ohne Ausrede. Ohne Kompromiss. Auch wenn es (wieder) gegen den Strom geht. Das Wort Jetzt hat eine legitime Bedeutung bekommen. Ich erlaube es mir! Es darf wieder Großartiges entstehen.

Simone im Düsseldorfer Medienhafen: Kraftort und Fotolocation

Du bezeichnest Dich gern als kleinen Rebell, der immer schon etwas anders war als andere. Nicht angepasst. Das hat sich aber nicht geändert?

Ach ja. Ich glaube, ich war und bin ab und zu sicher mehr Rebell als Drama Queen. Weil ich manche Dinge so wichtig finde. Und mich dafür einsetze. Und laut werde. Ich will Gerechtigkeit und kämpfe dafür, ja. Und merke dabei immer wieder, wie anders ich bin und anstoße, weil ich nicht immer JA sage. Ich suche gern meinen eigenen Weg, der so anders ist als der Anderer. Einen, der mich authentisch macht. Gleichzeitig aber auch immer irgendwie anders(artig) ist. Und ja, ich kann auch unangenehm damit sein und nerven.

Bist Du durch Deinen Familienhintergrund – Dein Urgroßvater war Gewerkschaftler und Innenminister Hessens – ein politischer Mensch geworden? Oder andersherum: Hattest Du je eine Chance oder überhaupt die Wahl, ein unpolitischer Mensch zu werden?

Ich glaube, ich hatte keine andere Chance, nein. Politik ist eine wichtige Welt für mich. Dort werden Entscheidungen getroffen. Dinge ausgetauscht und verhandelt, von denen wir alle profitieren in einer Demokratie. Und so ähnlich leben wir doch alle auch in unseren Firmen & Familien. In kleinen politischen Systemen. Bestenfalls mit guten Werten, die wir verfolgen und vertreten wie Gerechtigkeit und Gleichheit. In denen wir selber über Gut und Böse entscheiden können.

Was würdest Du sagen, hat Dich aus heutiger Sicht mehr oder entscheidender geprägt: Die Familiengeschichte oder Deine Schicksalsschläge?

WOW. Ich glaube an Bestimmung. An Karma. Ich glaube daran, daß es einen Grund gibt, warum ich in dieses Leben geboren wurde und immer noch auf der Welt bin. Es gab ein paar Momente in meinem Leben, in denen das Schicksal entschieden hat. Und natürlich haben mich diese Situationen geprägt. Wahrscheinlich ist es dann auch ein Teil meiner Familiengeschichte, Widerstand zu leisten und dafür eine Konsequenz tragen zu müssen. Meine größte Herausforderung ist es allerdings, mich zu stellen. Mutig zu sein und eine Herausforderung anzunehmen.

Was treibt Dich an, immer wieder aufzustehen, Dich sogar neu zu erfinden und dann wieder erfolgreich durchzustarten?

Ich lebe seit meinem 25. Lebensjahr in einer Beziehung mit meiner jetzigen Frau. Seit 2015 sind wir verheiratet und verbringen viele, tolle Momente des Lebens zusammen. Meine Frau,  meine Familie und meine Freunde haben immer an mich geglaubt und mir die Kraft gegeben, mich aufzurichten. Diese Ausdauer an positiver Zusprache, immer und immer wieder, gibt mir – auch in diesen Tagen – mein Vertrauen in mich zurück. Solange, bis das Herz wieder aufgefüllt ist und ich gestärkt wieder durchstarte.

Gibt es etwas, das Du anderen mit auf den Weg geben kannst, die ähnliches erlebt haben wie Du?

Umgebt Euch mit Gutem. Gedanken, Taten, Gerüche, Worte, Geräusche, Nahrung, Ideen, Zeiten, Menschen. Denn sie bestimmen Dein Tun.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wichtige Links:
focus on yoga – Ein Blick in die Welt der Yoga-Fotografie von Simone Leuschner
Querschnitt – Die Stars der Szene vor Simones Linse

Foto „bei der Arbeit“: Moritz Leick

3 comments on “Im eigenen StromAdd yours →

  1. Ein wunderbarer Bericht über einen wunderbaren Menschen. Ich bin stolz auf den Weg, den Simone hier neu beschreitet. Und das wäre auch ihre Mama – unglaublich stolz.

  2. Was soll ich sagen?? Wunderbarer Bericht von einem wunderbaren Menschen. Du bist von einer starken Frau erzogen worden und bist selbst zu einer geworden…auch wenn du nicht immer selbst daran glaubst 😉 für mich bist du ein großes Vorbild in der Fotografie mit dem Herzen zu sehen 😍 alles Glück dieser Welt für dich Simone 😘

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